Kennen Sie das? Mittags ist Ihr Handy leer, obwohl Sie kaum telefoniert haben. Irgendwo läuft eine App im Hintergrund und zieht still und leise eine Menge Strom.
Ungeklärte Konflikte im Job funktionieren ähnlich. Niemand sieht sie auf dem Bildschirm. Trotzdem ziehen sie Kraft, Konzentration und vor allem Zeit. Viel Zeit.
Was kosten ungelöste Konflikte am Arbeitsplatz?
Das wollten Phyllis Dirrler und Szilárd Podruzsik herausfinden. 2022 haben sie dazu eine Studie veröffentlicht.
Ihre Kernaussage lautet:
- Sobald ein Konflikt entsteht, verlieren Menschen Arbeitszeit.
- Und je länger und heftiger er läuft, desto mehr verlieren sie.
Das Team hat 675 Beschäftigte in Deutschland online befragt.
Jede Person sollte an einen eigenen Konflikt im Job denken, an einen laufenden oder einen vergangenen. Dann schätzte sie, wie viel Zeit sie dieser Konflikt gekostet hat.
Die Forschenden fragten dabei genau nach:
- Wie lange haben Sie gegrübelt?
- Wie oft sind Sie der anderen Person ausgewichen?
- Wie oft haben Sie nur so getan, als würden Sie arbeiten?
- An wie vielen Tagen haben Sie gefehlt oder sind Sie angeschlagen zur Arbeit gegangen?
So machen die Forschenden Kosten sichtbar, die in keiner Bilanz stehen.
Diese Kosten entstehen im Kopf und im Arbeitsalltag der Einzelnen.
Sie fallen an, lange bevor die Personalabteilung oder gar ein Anwalt eingreift.
Wie viel Arbeitszeit kostet ein Konflikt? Je länger er dauert, desto mehr
Schon ein kurzer Konflikt kostet Zeit.
Wer sich bis zu einer Woche mit einem Streit herumschlägt, verliert im Schnitt rund sechs Stunden. Das ist fast ein ganzer Arbeitstag.
Dauert der Konflikt bis zu einem Monat, verdoppelt sich der Wert auf rund elf Stunden. Bei bis zu sechs Monaten sind es rund 15 Stunden.
Läuft der Konflikt länger als ein halbes Jahr, steigt der Verlust auf 40 bis 45 Stunden, also auf mehr als eine volle Arbeitswoche.
Denken Sie an einen tropfenden Wasserhahn. Ein einzelner Tropfen fällt nicht auf. Nach einem Monat steht trotzdem ein voller Eimer da.
Schwelende Konflikte wirken genauso: Jeden Tag tropft ein bisschen Arbeitszeit weg.
Konflikteskalation: Ab wann wird ein Konflikt richtig teuer?
Auch die Stärke eines Konflikts zählt. Die Forschenden unterscheiden fünf Stufen.
Auf der untersten Stufe brodelt der Konflikt unter der Oberfläche, und niemand spricht ihn an.
Auf der höchsten Stufe ist er so verhärtet, dass er nur noch endet, wenn jemand von außen eingreift oder die Beziehung zerbricht.
Bei schwachen und mittleren Konflikten verlieren die Befragten ähnlich viel Zeit, nämlich rund 5 bis 9 Stunden.
Dann folgt ein Sprung. Sobald der Konflikt offen ausbricht und Menschen ihr Verhalten ändern, steigt der Verlust auf rund 32 Stunden.
Auf der höchsten Stufe sind es rund 80 Stunden. Das entspricht zwei vollen Arbeitswochen.
Das erinnert an Milch auf dem Herd. Lange scheint nichts zu passieren. Dann kocht die Milch in Sekunden über.
Wer den Topf früh vom Herd nimmt, muss hinterher nicht den Herd schrubben.
Grübeln, Fehlzeiten, Präsentismus: Wohin die Arbeitszeit bei Konflikten verschwindet
Die verlorene Zeit hat viele Gesichter.
- Grübeln: Menschen grübeln über den Streit. Sie reden darüber, sammeln Informationen und suchen nach einer Lösung.
- Kontaktvermeidung: Sie gehen der anderen Person aus dem Weg. Sie geben relevante Informationen nicht weiter und helfen nicht, obwohl sie dazu in der Lage wären.
- Fehlzeiten und Präsentismus: Am meisten Zeit kosten aber Fehlzeiten und Krankheit. Manche melden sich krank, um dem Konflikt auszuweichen. Andere werden durch den Konflikt körperlich oder seelisch krank. Wieder andere kommen zur Arbeit, sind aber nicht wirklich bei der Sache.
Diese drei Posten trugen in der Studie mit Abstand am meisten zum Zeitverlust bei.
Die Kosten kommen außerdem selten allein.
Wer viel grübelt, verliert meist auch Zeit durch Ausweichen oder Streitgespräche.
Soll heißen: Ein Posten kommt selten allein. Sondern eher im Kombi-Paket.
Konfliktkosten in Euro: Was ein Konflikt pro Person kostet
Grob überschlagen kostet ein Konflikt ein Unternehmen in Deutschland je nach Verlauf so viel:
- Konflikt früh angesprochen und per Mediation gelöst: rund 2.500 bis 4.000 Euro
- Formales Beschwerdeverfahren mit rund 52 Tagen Ausfall: rund 20.000 Euro
- Konflikt nie angesprochen, die betroffene Person kündigt: rund 45.000 bis 100.000 Euro
- Kündigung, Kündigungsschutzklage und Abfindung: ab rund 75.000 Euro
Ein Teil dieses Geldes fließt direkt vom Konto ab, etwa für die Mediatorin, eine Neubesetzung oder eine Abfindung.
Der andere Teil fehlt als Arbeitszeit für die eigentlichen Aufgaben.
Zwei Punkte machen die Beträge noch größer.
Erstens gehören zu einem Konflikt mindestens zwei Menschen, die Rechnung erfasst aber nur die Kosten für eine Person.
Zweitens erleben viele Menschen mehr als einen Konflikt pro Jahr.
Aus dem tropfenden Wasserhahn der kleinen Unstimmigkeit wird so schnell ein Wasserschaden - der Ihr Unternehmen teuer zu stehen kommt.
Konflikte früh klären: 4 Tipps für Führungskräfte und Teams
Die Forschenden sehen in ihren Ergebnissen ein klares Argument dafür, Konflikte früh zu klären.
Daraus lassen sich vier einfache Schritte ableiten:
- Früh hinschauen. Die Kosten wachsen mit Dauer und Stärke. Wer einen Konflikt früh anspricht, spart die meiste Zeit.
- Eingreifen, wenn es kippt. Meiden sich Menschen, greifen sie sich an oder ziehen sie sich zurück, beginnt der teure Bereich.
- Kosten sichtbar machen. Unternehmen können die verlorene Zeit mit einem Fragebogen erheben, wie ihn die Studie nutzt, und sie mit dem Stundenlohn multiplizieren.
- Konfliktkompetenz stärken. Die Forschenden sehen ihre Ergebnisse als Begründung für Trainings im Umgang mit Konflikten.
Konfliktmediation: Schwelende Konflikte früh lösen. Es lohnt sich.
Erkennen Sie in Ihrem Team einen Konflikt, der still vor sich hin brodelt?
Je früher Sie einen Konflikt ansprechen, desto weniger Zeit, Kraft und Geld kostet er.
Im Konfliktfall höre ich allen Seiten zu, bringe die Beteiligten wieder miteinander ins Gespräch und unterstütze sie dabei, selbst eine tragfähige Lösung zu finden.
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