Feedback geben in hierarchischen Unternehmen: Warum fragen besser ist als anweisen

Feedback geben in hierarchischen Unternehmen: Warum fragen besser ist als anweisen

Stellen Sie sich eine Ampel vor, die tadellos funktioniert — nur wurde sie vor Jahren für eine Dorfkreuzung eingestellt, und inzwischen rollt dort der Berufsverkehr einer Großstadt durch. Von innen sieht alles korrekt aus. Dass der Takt nicht mehr passt, fällt nur dann auf, wenn es jemand ausspricht.

Und in einem Haus mit strenger Hierarchie traut sich das niemand. Also fährt der Betrieb weiter nach einem alten Plan. Bis er an die Wand fährt.

Dieser Text handelt von der Frage, die genau das verhindert — und davon, warum sie in einem geordneten Haus besser funktioniert als in einem chaotischen.

Wer das grundsätzliche "Warum?" noch braucht und wer den Ablauf sucht, findet beides in den beiden Schwestertexten.

Hier geht es um den Einwand, den ich am häufigsten höre: Bei uns geht das nicht, wir haben Regeln.

 

Feedback geben als Führungskraft: warum Fragen mehr bewirken als Bewertungen

 

Manche Leute passen sofort in ein Haus, in dem Regeln und Hierarchie alles bestimmen. Andere nicht.

Aber die Frage, um die es hier geht, ist keine Typfrage — sie betrifft jede Führungskraft.

Edgar Schein, der über fünfzig Jahre zu Unternehmenskultur und Führung geforscht hat, hat dafür ein Wort geprägt: bescheidenes Fragen.

Seine Beobachtung: Wer als Führungskraft kluge Fragen stellt, bringt mehr in Bewegung als wer Bewertungen verteilt.

Der Grund ist unspektakulär und genau darum wirksam — eine Frage verlangt keine Zustimmung. Sie zieht keine Linie, sie legt nichts fest, sie stellt niemanden hin. [Edgar Schein, Humble Inquiry]

Das Beste daran: Es fühlt sich nicht nach Umbau an.

Die Hierarchie bleibt, wo sie ist. Die Person oben fragt einfach nur.

Kein Widerstand, weil es keinen Anlass zum Widerstand gibt.

Es bleibt der Moment, in dem Sie im Türrahmen stehen bleiben — weil Ihnen endlich die Frage eingefallen ist, die den Nagel auf den Kopf trifft.

 

Feedbackkultur und Regeln: warum sich auch die Regel selbst hinterfragen darf

 

Chris Argyris, MIT, hat den Unterschied zweier Lernarten beschrieben.

Die erste: Wir machen dasselbe besser.

Die zweite: Wir fragen, ob das, was wir tun, überhaupt noch richtig ist.

In einem regelgläubigen Haus ist die erste völlig normal — sie ist der Alltag.

Die zweite ist die Ausnahme, und sie kann wehtun. Beide sind nötig, und in den meisten Betrieben fehlt die zweite.

Argyris nannte das Double-Loop-Lernen: nicht nur den Fehler korrigieren, sondern die Regel prüfen, die ihn hervorgebracht hat. Genau das ist der Punkt, an dem es in geordneten Häusern knirscht — weil es sich anhört wie „alles Bisherige war falsch". Es ist aber etwas Engeres: eine einzelne Regel, zu einem einzelnen Zeitpunkt, auf ihre Tauglichkeit geprüft. [Argyris & Schön, Organizational Learning]

Das geht erstaunlich gut, wenn es einen klaren Rahmen hat: ein Termin im Quartal, ausdrücklich nur hier. Ein Format, das endet. Eine Information, die wirkt.

Und was die Dimension angeht: In Deutschland sind 12 Prozent der Beschäftigten aktiv auf Jobsuche, weitere 25 Prozent offen für Neues — nur 40 Prozent planen, ihrem Arbeitgeber noch drei Jahre treu zu bleiben. Der häufigste Grund neben dem Gehalt ist Unzufriedenheit mit der Führungskraft. Ein Betrieb, der seine Regeln nicht prüfen darf, ist für diese Leute kein Ort mit Zukunft.

 

Psychologische Sicherheit und Fehlerkultur im Team: warum Angst der größte Bremsklotz ist

 

Hier knirscht es am häufigsten.

Amy Edmondson hat an Krankenhausstationen untersucht, warum manche Teams aus Fehlern lernen und andere nicht.

Das Ergebnis war zunächst widersprüchlich: Die besseren Teams meldeten mehr Fehler.

Die Auflösung: Sie meldeten nicht mehr, sie hatten nur keine Angst davor, sie zu zeigen.

Der Unterschied lag nicht in der Kompetenz, sondern in der Frage, ob man den Mund aufmachen durfte.

Dafür steht heute der Begriff psychologische Sicherheit — und er ist ein der stärksten Vorhersagen für Teamleistung geworden, die die Forschung kennt. [Edmondson, Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams, 1999]

E heißt nicht, dass alle "irgendwie nett" zueinander sind. 

Sondern dass man den Mund aufmachen darf, ohne eins auf den Deckel zu kriegen. 

Die Regeln bleiben, wo sie sind. Die Hierarchie auch.

Wenn man es als „Wir müssen mal offener werden" versteht, riecht es nach Schwammigkeit. Schwammigkeit ist der Endgegner. 

Psychologische Sicherheit ist kein Weichspüler — sie ist die Voraussetzung dafür, dass Sie als Führungskraft überhaupt noch informiert werden.

 

360-Grad-Feedback einführen: das bekannte Werkzeug und seine Grenzen

 

Am einfachsten einzuführen ist die Sache, die fast jeder kennt: Rückmeldungen, die nicht von unten nach oben gehen, sondern von allen Seiten kommen.

 Gedacht für das Weiterkommen, nicht für das Gehaltsgespräch.

Kein Widerstand, weil es ein bekanntes Werkzeug ist — wie eine Bohrmaschine, die schon in der Garage liegt.

Und genau darin liegt die Grenze.

Die Bohrmaschine in der Garage ist vertraut, aber sie ist kein Bauplan.

360-Grad-Feedback scheitert in der Praxis an zwei Stellen: einmal, wenn es anonym bleibt — dann wird es unverbindlich, und die Rückmeldung versandet, weil niemand für sie einsteht.

Zum zweiten, wenn es mit Beurteilung verwechselt wird: Sobald die Antworten auf die Gehaltsentscheidung einzahlen, antwortet jeder taktisch, und Sie bekommen nicht die Wahrheit, sondern ein erwünschtes Ergebnis.

Beides lässt sich vermeiden — indem Sie vorher sagen, wofür die Antworten nicht verwendet werden.

Genau eine Stufe schwieriger ist die Sache mit „ehrlich und trotzdem freundlich".

Sie klingt nach nichts und ist ein Kraftakt, weil viele glauben, Ehrlichkeit sei gleich Unfreundlichkeit.

Wer das einmal versteht, merkt plötzlich, wie oft er aus lauter Höflichkeit geschwiegen hat.

 

Kritik und Feedback richtig formulieren: über das nächste Mal reden statt über das letzte

 

Und dann gibt es da noch die Idee, gar nicht über das Gestern zu reden, sondern über das Morgen:

„Was könntest du nächstes Mal anders machen?"

Das ist wie streiten, ohne streiten zu müssen.

Keiner muss sich verteidigen, weil niemand angeklagt wird — die Frage richtet sich nach vorn, und vorn ist niemand schuld.

In Häusern, wo Feedback schnell nach Kontrolle riecht, ist das ein echter Trick: Es fühlt sich nach Werkzeugkasten an, nicht nach Tribunal.

 

Wie eine Feedbackkultur Geld spart

 

Vier Dinge, in der Reihenfolge, in der sie auftreten:

  1. Es kommen weniger teure Überraschungen. Probleme tauchen auf, wenn sie noch klein sind. Reparaturen werden billiger, Streitigkeiten seltener, weil die Leute nicht erst beim Krach erfahren, dass etwas schiefgelaufen ist.
  2. Die Leute bleiben länger. Wer das Gefühl hat, seine Stimme zählt, kündigt nicht aus Frust — innerlich oder tatsächlich. Der Unterschied ist messbar groß: Nur 3% der emotional hoch gebundenen Beschäftigten sind aktiv auf Jobsuche, gegenüber 39% ohne Bindung.
  3. Ideen kommen hoch, die vorher in der Schublade verstaubt sind. Wer fragt statt nur zu bewerten, hört Dinge, die seit Jahren jemandem aufgefallen sind. Aus Ordnung wird Ordnung mit Ohren.
  4. Fehler werden früher korrigiert — und früh korrigierte Fehler kosten einen Bruchteil.

Ich kann helfen — und zwar so

 

Erzählen Sie mir, wie es bei Ihnen in der Abteilung gerade läuft. Wer redet, wer schweigt, und wo es schon mal geknallt hat.

Daraus baue ich Ihnen ein Feedback-Format, das zu Ihrem Haus passt — eines, in dem Ordnung und Hierarchie zählen. Wir sehen uns die Lage gemeinsam an und entscheiden dann, was zu Ihnen passt; Sie bekommen von mir den Vorschlag für ein Format und den ersten Schritt zum Ausprobieren.